Verarbeitung der Diagnose

Klärung der Begrifflichkeiten:
– Gesundheit / Krankheit
– Normal / Außerhalb der Norm

Um zu verstehen, welche Auswirkungen eine Diagnose haben kann, starteten wir mit dem gemeinsamen Erforschen der Konzepte Gesundheit, Krankheit und Normalität.

Beim Thema Krankheit stellten wir fest, dass wir dabei vor allem an körperliche Symptome denken, wenn eine Art von Gebrechen vorliegt. Liegt kein Gebrechen vor, gehen wir schnell von Gesundheit aus. Wir hielten in dem Zusammenhang fest, dass „normal“ (entspricht dem Großteil einer Bevölkerungs-Gruppe) nicht automatisch „gesund“ oder „richtig“ sein muss.

In einer – für manche lustigen, für andere stressigen – Übung kamen wir dann gemeinsam dem aktuell gängigen Gesundheitsmodell auf die Spur: nämlich dem Bio-Psycho-Sozialem Modell. Dieses geht davon aus, dass alle drei Bereiche gleichermaßen wichtig sind und zu jedem Zeitpunkt einzeln, oder auf allen Ebenen gemeinsam, gestärkt werden können. Das heißt, selbst wenn die Biologie in uns geschwächt ist oder eine körperliche Diagnose vorliegt, können wir durch unsere innere psychologische Verfassung und unser soziales Umfeld stärker sein, als manch andere, deren Biologie unversehrt ist.

Psychologische Hintergründe: Was passiert bei einer Diagnose – Verstehen als erster Verarbeitungsschritt

Das Wort Diagnose leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet sinngemäß Unterscheidung, Entscheidung. Die US-amerikanische Autorin Susan Sontag beschreibt dazu sehr treffend:

„Krankheit ist eine Nachtseite des Lebens, eine eher lästige Staatsbürgerschaft. Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken.“

Eine Diagnose kann also für manche wie ein Schock wirken, unfreiwillig „vom einen Reichen in ein anderes gedrängt zu werden“. Dies kann in Folge zu den unterschiedlichsten Reaktionen führen, wie Unsicherheit, Angst, bis hin zu Wut oder Aggression.

Die Reaktionen sind individuell unterschiedlich, doch es sind bei vielen Menschen gewisse Phasen zu beobachten, die sehr häufig auftreten. Das Wissen und die Kenntnis dieser Phasen allein können für viele Betroffene schon sehr erleichternd sein:

  1. Schock, Verleugnung, nicht-wahrhaben-wollen
    In dieser Phase kann es sich wie ein „Sturz aus der Wirklichkeit“ anfühlen und zu Unruhe und Angst führen.
    Was hilft für Betroffene: menschliche Wärme, sich in das soziale Netz fallen lassen.
    Was hilft für das Umfeld: einfach DA-SEIN.
  2. Aggression, Zorn, Wut
    In dieser Phase kann es zu der Frage „Warum gerade ich/wir?“ kommen. Dies kann auch Wut, Zorn und ev. ein Hadern mit Gott und der Welt hervorrufen. Es besteht die Gefahr, dass diese Gefühle (ev. aus Scham) nicht offen gezeigt, sondern unbewusst am Umfeld (z.B. Partner, Familie) losgelassen werden.
    Was hilft für Betroffene: Gefühle zulassen und möglichst offen zeigen.
    Was hilft für das Umfeld: Die Person trotz schwierigen Momenten annehmen wie sie ist und zuhören.
  3. Depression
    In dieser Phase kann es ev. zum Einbruch des Selbstwertgefühls kommen, im Sinne von
    „Was bin ich eigentlich noch wert“? Dadurch kann Verletzlichkeit und Verzweiflung steigen.
    Was hilft für Betroffene: Schwach sein zulassen – „Deep-Rest“.
    Was hilft für das Umfeld: Beständige und aufrecht erhaltende Beziehungen – gerade jetzt! …schickt das Signal „es ist normal, dass du dich jetzt zurückziehst, wir sind trotzdem da!“
  4. Verhandeln mit dem Schicksal
    In dieser Phase kann es zum Versuch der Betroffenen kommen, durch z.B. Opfer, mit dem Schicksal zu verhandeln.
    Was hilft für Betroffene: gesunde Innen- & Außenschau nach kompetenten Unterstützungs-Angeboten falls nötig.
    Was hilft für das Umfeld: Hilfestellung beim Reflektieren und Ehrlichkeit!
  5. Akzeptanz und Annehmen
    In dieser Phase finden Betroffene ev. einen neuen Platz und eine neue Rolle im Leben.
    Der zeitliche Verlauf ist unterschiedlich und das Erreichen dieser Phase ist nicht immer gegeben.

Was hilft allgemein und für alle:

  • Ressourcen (Kraftquellen) kennen, erarbeiten, nützen und ausbauen.
  • Wissen wo sich die Folgen der Diagnose im Alltag bemerkbar machen und sich dafür kreative Hilfestellungen überlegen.
  • a. sich auf die Stärken zu konzentrieren.

Stärkung des Umgangs mit der Diagnose

Zur Stärkung des Umgangs mit der Diagnose können folgende Fragen helfen:
Was sind Vorteile aus der Besonderheit / „Diagnose“ Kleinwuchs?
Welche Kraftquellen habe ich / haben wir? Nutze ich sie auch bewusst?


Als Abschluss des Vormittags kamen wunderschöne Wortmeldungen von Vereinsmitgliedern, die schon länger mit der Besonderheit Kleinwuchs leben. Hier ein paar Beispiele daraus, die andere eventuell inspirieren:

„Mich kennen alle J.“ „Ich fühle mich mit anderen Randgruppen sehr verbunden und habe das Gefühl, sie zu verstehen.“ „Wir sind sehr einfallsreich, weil wir uns in verschiedenen Situationen kreative Lösungen einfallen lassen.“ „Wir erleben untereinander eine Verbundenheit und Menschlichkeit, die anderswo vielleicht nicht so leicht zu finden ist.“

Persönlicher Eindruck

Ähnlich einer der Wortmeldungen während unseres gemeinsamen Vormittags, kann auch ich nur bestätigen: Jedes Jahr wieder spüre ich bei euren Treffen die große Verbundenheit, Freude und den starken Gemeinschaftssinn innerhalb des BKMF. Es ist ein ausgeglichenes Geben und Nehmen wahrnehmbar für mich – jeder gibt das, wo seine oder ihre Stärke ist, und nimmt dankend auf, was andere bereithalten. Ich beobachtete über die Jahre auch andere „externe Gäste“, die zu euren Treffen eingeladen waren und bemerkte, dass einige von ihnen sichtlich berührt von eurem Zusammenhalt, eurer Ausstrahlung und eurer Lebensfreude & Lebendigkeit sind. Ich bin froh und dankbar, dass ich mit euch schon so einige interessante Themen behandeln und erforschen durfte. Ihr seid für mich wahre Lehrmeister und in meinen Augen stecken in euch große Schätze, die ihr eurer Umgebung schenkt J.

Mag.  Barbara Lamm

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